Seilbahn statt U-Bahn: Mobilität in der dritten Dimension

20. April 2020

In den Städten wird es voll, die Büro- und Wohnungsmieten steigen nicht nur in den Metropolen, sondern auch in wirtschaftlich starken Mittelstädten. Dafür sorgt der anhaltende Zuzug, gerade junge Menschen wohnen lieber in einer lebendigen Stadt als auf dem Land.

Seilbahnen als Mobilitätslösung für Ballungsgebiete

Eng wird es dadurch vor allem auch auf den Straßen, in den S- und U-Bahnen der beliebten Kommunen: vielerorts, wie in Deutschlands Stauhauptstadt Hamburg, aber auch in München, das dringend auf den Bau der zweiten Stammstrecke wartet, stehen der ÖPNV wie auch der Autoverkehr vor dem Kollaps. Auf den Radwegen konkurrieren Fahrradkuriere, E-Scooter- und Pedelec-Fahrer um den knappen Raum. Wer diese wachsenden Verkehrsprobleme lösen will, muss eingefahrene Strukturen verlassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Seilbahn La Paz
Foto via iStock, saiko3p

Österreichische Seilbahnen in Bolivien

Skifahrer kommen wahrscheinlich am schnellsten drauf: Wo der Schlepplift nicht mehr weiterhilft, steigt man – genau, in die Gondel. Seilbahnen bringen Menschen auf die schroffsten Gipfel, überwinden tiefe Täler und reißende Flüsse. Sollte man da nicht über einen Einsatz im Großstadtdschungel nachdenken? Das sollte man, und das findet auch statt: Im bolivianischen La Paz entlasten seit 2014 mehrere Seilbahnen die chronisch vom Stau verstopften, engen innerstädtischen Gassen und Serpentinen. Rund 100.000 Menschen frequentieren täglich die acht Seilbahnlinien im insgesamt 27 Kilometer langen Netz. „Zuständig“ für die Seilbahnen in La Paz ist der österreichische Hersteller Doppelmayr.

Günstige Kosten, niedriges Risiko, aber nicht ganz unkompliziert

Was in Bolivien mit günstigen Ticketpreisen so betörend gut funktioniert, wirkt auch auf deutsche Verkehrsplaner verführerisch. Die grüne Fraktion im Münchner Rathaus etwa fordert die Prüfung dreier möglicher Seilbahnstrecken im Norden, Süden und Westen der Stadt zur Entlastung punktueller Aufkommensschwerpunkte und zur Überbrückung von schützenswertem oder unwegsamem Gelände. Das sind nämlich die augenfälligsten Vorzüge innerstädtischer Seilbahnen:

  • Umweltverträglich durch Elektroantrieb mit Rekuperation beim Bremsen,
  • geringe Geräuschbelastung,
  • vergleichsweise geringe Bau-, Unterhalts- und Personalkosten,
  • praktisch keine Kollisionsgefahr mit anderen Verkehrsmitteln und -Teilnehmern.

Können Seilbahnen innerstädtische Verkehrsprobleme schnell und unkompliziert lösen? Ganz so einfach ist es hierzulande nicht:

  • Juristisch problematisch kann eine Gefährdung der Privatsphäre in den überflogenen Grundstücken sein.
  • Das System ist statisch, d. h. die Kapazität kann nicht spontan an Nachfragespitzen angepasst werden.
  • Höhenunterschiede zu den Plattformen für Ein- und Ausstiege verlängern die Umstiegszeiten.
  • Masten und Seile können ein historisches Stadtbild beeinträchtigen.

Seilbahnen als Diversifikationschance

Solche Bedenken haben in Wuppertal zum Scheitern des Seilbahnprojekts geführt, 62 % der befragten Wuppertaler hatten sich 2019 gegen die Seilbahn ausgesprochen.
Kritisch kann‘s also bei Trassen über Privatgrundstücken werden. Als besonders praktisch hingegen können sich Seilbahnen bei der Überwindung unwegsamen Geländes erweisen – Köln etwa hat die Seilbahn der Bundesgartenschau 1957 reaktiviert, die nun den Rhein vom Zoo aus überquert. Da der Bau von U-Bahn-Tunneln im Kölner Sandboden nicht ganz trivial ist (wir erinnern uns an den Einsturz des Stadtarchivs vor 11 Jahren), könnte eine Pendelseilbahn im Zickzack mehrere Verknüpfungen über den Fluss schaffen. In Bonn wird das Thema Seilbahn ebenfalls bereits seit einigen Jahren analysiert, allerdings steht die Kosten-Nutzen-Analyse noch aus.

Seilbahnen sind also im Gespräch – nicht nur auf den Skipisten, sondern auch unter Stadtplanern. Nicht selten werden die Projekte von Seilbahnherstellern vorangetrieben und sind eine willkommene Diversifikationschance angesichts immer wärmerer Winter.

Stephanie von Keudell

Freie Journalistin