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Stadt neu gedacht - mehr Grün, weniger Verkehr

Nicht nur die Auswirkungen der Pandemie, auch der Klimawandel zwingt, über die Zukunft der Städte und insbesondere der Innenstädte nachzudenken. Denn beide Herausforderungen zeigen, dass in der bisherigen Entwicklung der Städte einiges schiefläuft.

Grünflächen sind in vielen Städten ein rares Gut. Shutterstock -PIXEL to the PEOPLE

Im ersten Teil „Stadt neu gedacht – gegen die Filialisierung der Innenstädte“ ging es unter anderem um die aktuellen Bemühungen der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die lokale Wirtschaft im Zentrum der französischen Hauptstadt zu stärken und der zunehmenden Filialisierung entgegenzuwirken. Mit ihrer Kampagne „Paris neu erfinden“ (Réinventer Paris) zielt Hidalgo jedoch noch sehr viel weiter. Sie verfolgt generell eine Politik, die sie unter dem Schlagwort „soziale Ökologie“ zusammenfasst. Dazu gehören ein verstärkter sozialer Wohnungsbau und das Verbot von Plastik, sie geht gegen nicht von der Stadt genehmigte Angebote von Wohnungen auf Plattformen wie Airbnb vor und will in den innerstädtischen Arrondissements keine Zweitwohnungen mehr zulassen. Mit ihren Plänen, vor allem den Autoverkehr in der Stadt massiv zu beschränken und stattdessen mehr Grün und mehr Luft und Raum für Fußgänger und Radfahrer sowie Plätze und Parks zur Erholung zu schaffen, stößt sie zwar immer wieder auf heftige Gegenwehr, hält aber dennoch an dem Ziel eines „grünen“ Paris mit sauberer Luft fest.

Mit der Idee der Eindämmung des Verkehrs in den Städten steht sie keineswegs allein. Wohl eine der ersten Städte in Europa, die ihre Innenstadt für den Autoverkehr sperrten, war Pontevedra in Spanien. Hier entschied man sich zu diesem Schritt bereits um die Jahrtausendwende mit dem Erfolg, dass der Ort an Lebensqualität gewonnen hat und ein entsprechendes Bevölkerungswachstum verzeichnet. Gleichzeitig gibt es kaum mehr Verkehrsunfälle, und auch die CO2-Emissionen sind um rund 70 Prozent gesunken. Inzwischen denken viele Städte darüber nach, wie sich die Autoflut kanalisieren und verringern lässt. Dazu gehört ohne Frage ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, aber auch ein Umdenken, das inzwischen vor allem bei jüngeren Leuten festzustellen ist, für die das Auto schon längst kein Status und Freiheitssymbol mehr ist und die Städte vorziehen, in denen sie sich problemlos zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen können.

Ein weiterer Aspekt ist die Fläche, die Autos in der Stadt für sich beanspruchen. Jeder kennt vollgeparkte Straßen, in denen sich Auto an Auto reiht. Jedes Auto belegt parkend sieben bis acht Quadratmeter Fläche – und das oftmals auch ohne entsprechendes Entgelt. Selbst wenn Parkgebühren erhoben werden, dann liegt der Preis weit unter dem, was Grund und Boden in der Stadt wert ist. Auch hier ist die Frage, ob nicht mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer sowie für mehr Grünflächen in der Stadt sinnvoller wäre.

Mehr Begrünung und Luftschneisen in der Stadt erweisen sich vor allem wegen des Klimawandels als Notwendigkeit, denn immer öfter und für immer längere Zeiträume erleben wir im Sommer Hitzewellen. Je dichter eine Stadt zugebaut ist, je weniger Grün sie hat, je weniger Luftschneisen für Kühlung sorgen, desto mehr heizen sich Gebäude auf und wird die Stadt zum Backofen, der selbst nachts kaum abkühlen kann.

Doch für alle diese Veränderungen braucht es Politiker und Stadtverantwortliche, die bei dem allfälligen Widerstand gegen derartige Pläne standfest bleiben. Wer etwas älter ist, erinnert sich noch an die Diskussionen, als die ersten Haupteinkaufsstraßen in den Innenstädten in Fußgängerzonen umgewandelt wurden und der Untergang der Geschäfte in der Innenstadt prophezeit wurde. Dieser Untergang ist nicht eingetreten, im Gegenteil: Die Geschäfte profitierten davon und auch die Menschen in der Stadt wissen diese verkehrsfreien und oftmals zusätzlich begrünten Meilen zu schätzen.

Grundsätzlich ist die Frage zu stellen, wem die Stadt gehört und dient. Die Menschen, die in der Stadt leben, wollen sich dort gefahrlos bewegen können, sie wollen saubere Luft haben, sie brauchen aber auch Grün – hier fordert vor allem der Klimawandel mit seinen heißen Sommern ein Umdenken –, sie schätzen ein vielfältiges Angebot sowohl kultureller Einrichtungen wie an Geschäften und Dienstleistungen, kurz: Sie legen Wert auf möglichst viel Lebensqualität. Uniformität und überbordender Individualverkehr mit Lärm und schlechter Luft sind nicht dazu angetan, sich mit einer Stadt zu identifizieren und sie als attraktiv zu empfinden.

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Marianne Schulze

Freie Journalistin

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