Where has my Excel gone? Oder warum die Immobilienwirtschaft jetzt den nächsten digitalen Schritt nach vorne macht.

25. Mai 2020

Zu lange wurde die Digitalisierung stiefmütterlich behandelt, erst die Einschränkungen im Zuge des Corona-Lockdowns haben zu einem neuen Bewusstsein für die Dringlichkeit des Themas geführt – weil für viele Unternehmen plötzlich schlicht kein effizientes Arbeiten mehr möglich war. Dabei bedeutet der neu entstandene Digitalisierungsdruck für weniger kapitalstarke Unternehmen gleichzeitig eine Chance. Und auch für die Immobilienbranche bieten sich dank aktualisierter rechtlicher Grundlagen neue Möglichkeiten.

Wolkenkratzer
iStock / MarsYu

Digitalisierung – lange vernachlässigt

Keine Zeit, kein Budget oder schlichtweg keine Notwendigkeit: Wenn es um die wichtigen Digitalthemen der Immobilienbranche ging, wurde jahrelang bevorzugt diskutiert als innoviert. Der Digitalisierungsnotwendigkeit in guten Zeiten nachzukommen, wie es damals immer wieder angesprochen wurde, schien – die Aufgaben des Alltagsgeschäfts vor Augen – dann doch eher vernachlässigbar. Schließlich ging es der Branche ausgesprochen gut und auch die Unternehmen, die bei ihren Arbeitsprozessen einfach nur den Status Quo aufrechterhalten wollten, konnten in der Regel allein aufgrund der positiven Marktentwicklung steigende Gewinne verbuchen.

Der Schmerzpunkt damals war relativ mild: Wenn einmal in der vorletzten anstatt in der aktuellsten Version eines digitalen Gebäudemodells gearbeitet wurde, wurde dies als ärgerlicher, aber verzeihlicher Fehler empfunden. Gleiches galt für den Pauschaleinsatz der dafür durchaus kritisierten, aber sehr resilienten, weil günstigen und scheinbar einfachen Excel-Listen – lokal gespeichert natürlich, nicht in der Cloud. Oder aber die viel beschworenen Visionen von einer durchdigitalisierten, automatisierten Zukunft ohne Intermediäre, wobei man sich in der Realität mit minimalinvasiven Verbesserung in der aktuellen digitalen Anwendungslandschaft beschäftigte, anstatt konkrete strategische Schritte einzuleiten.

Neuer Digitalisierungsdruck als Chance

Heute allerdings sieht die Realität völlig anders aus. Der noch vor wenigen Wochen als vage empfundene Digitalisierungsdruck ist zum konkreten Digitalisierungsruck geworden. Wer seine Arbeitsprozesse nicht digital abgebildet hat, konnte in Zeiten des Corona-Lockdowns schlicht und ergreifend nicht mehr (effizient) arbeiten und sich beispielsweise auch nicht mehr so in Großprojekte mit mehreren Akteuren einbringen, wie es nötig wäre. Diese Situation sollte allerdings nicht nur als Herausforderung, sondern durchaus auch als Chance begriffen werden.

Ganz im Sinne der Darwin’schen Evolutionstheorie „Survival of the Fittest“ werden diejenigen, die sich in Zeiten von Umbruch und bedrohlicher Rezession anpassungsfähig zeigen, überleben oder gar gestärkt daraus hervorgehen. Denn gleichzeitig sorgt der Digitalisierungszwang dafür, dass die Kluft zwischen größeren, kapitalstärkeren Unternehmen und kleineren Akteuren mit Blick auf die digitale Messlatte schmaler wird. Mehr noch: die zuvor sehr fragmentierte Branche rückt näher zusammen und das nun ausgeprägtere digitale Mindset der Unternehmen sorgt für mehr Fokus auf die Interoperabilität von Anwendungen.

Rechtliche Erleichterungen für die Immobilienbranche

Es gibt noch einen weiteren positiven Aspekt: Auch der rechtliche Rahmen für die Anwendung von Technologien wird zurzeit überdacht und erweitert. Das zeigt sich unter anderem in einer sehr schnellen Entscheidung der BaFin Ende März: Aufgrund der Reise- und Kontakteinschränkungen wurden Innen- und Außenbesichtigungen per Video zur Ermittlung ihres Beleihungswerts einer Immobilie zugelassen, einen automatischen Bewertungsabschlag gibt es dabei nicht. Das lässt hoffen, dass der Gesetzgeber bei ähnlichen Rechtsfragen ähnlich flexibel agieren wird. Selbst wenn es sich vorerst um vorübergehende Maßnahmen handelt, werden damit dennoch die rechtlichen Grundlagen für eine „digitalere“ Immobilienbranche geschaffen und deren Praxistauglichkeit getestet.

Dr. Susanne Hügel

Head of Digital Innovation & Business Acceleration Continental Europe, CBRE