Über Zusammenhänge

09.12.2020

Der EXPO REAL Hybrid Summit fand nicht statt – weder physisch noch digital. Das Konferenzprogramm hätte eine Menge Themen geboten, über die sich das Nachdenken lohnt. Daher greifen wir einige Konferenzthemen hier – zugebenermaßen subjektiv – einfach auf.

Modernes City-Skyline und globales Kommunikationskonzept
In einer zunehmend komplexeren und vernetzten Welt hängen auch viele immobilienwirtschaftliche Themen zusammen. shutterstock, metamorworks

Wie ein Leitmotiv, nicht nur für das Konferenzprogramm, wirkte der Titel der Eröffnungsdiskussion „Alles anders durch Corona: Was bedeutet das für Immobilien und Investitionen?“ Dabei erscheint es wichtig, über Zusammenhänge nachzudenken. Hier wäre es mit zwei Vorträgen von namhaften Experten aus ökonomischer und soziologischer Sicht sowohl um die wirtschaftliche als auch die gesellschaftliche Perspektive gegangen. Eines der Probleme liegt darin, dass niemand weiß, wie es weitergeht. Wann es einen Impfstoff geben wird, ist trotz des derzeitigen Optimismus noch offen, ebenso, wie er letztlich wirken wird, was für alle Branchen nur wenig Planungssicherheit bietet. Doch während viele Marktteilnehmer derzeit „auf Sicht“ agieren, fällt genau das bei Investitionen in Immobilien schwer, weil es dabei nicht um kurze Zeiträume geht. Jedes Gebäude sollte zumindest Jahrzehnte überdauern, auch Mietverträge sind mit längerer Laufzeit sicherer, und nicht zuletzt dient die aus Immobilien erwirtschaftete Rendite häufig langfristigen Aufgaben wie der Sicherstellung der Altersversorgung – vom Privatanleger über Versicherungen bis zu Pensionsfonds.

Zum Ende des ersten Jahres der Pandemie erweisen sich verschiedene Assetklassen als unterschiedlich stark nachgefragt. Generell ist der Trend bekannt: Während Handel und Hotels eher an Attraktivität verlieren, hält sich Büro nach wie vor konstant, Wohnen und Logistik legen zu. Die Runde über Büroimmobilien „Is small beautiful? Bedarf und Gestaltung von Büroflächen“ hätte hier einen Rahmen für die schon jahrelang geführte Diskussion um die Digitalisierung geboten, zu der mittlerweile die jetzt zu erwartenden wirtschaftlichen Veränderungen genauso wie die Zunahme von Home Office hinzukommen – zwei Themen, die auf die Zeit der Großraumbüros sowie die Fortsetzung der bislang hohen Nachfrage zumindest ein anderes Licht werfen. Zudem finden mehr und mehr Investitionen in Infrastruktur und in Gesundheits- und Pflegeimmobilien statt. Denn eines hat die Pandemie mit Sicherheit gezeigt: Das Gesundheitswesen ist essenziell, aber vielerorts mit der Bewältigung einer Katastrophe diesen Ausmaßes überfordert. Daher hätte die Diskussion „Healthcare-Immobilien: Vom Geheimtipp zum Mainstream?“ sicher viele Zuhörer gefunden.

Beim Wohnen galt vor Corona häufig Verdichtung als Mantra. Doch nun geht es auch hier um Abstand. Das Home Office dürfte die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitszimmern verstärken, ebenso gewinnt ein Balkon, besser aber noch eine grüne Umgebung an Wert. Antworten auf die Frage der Veranstaltung „Grüner und größer: Wie und wo wird künftig gewohnt?“ wären sicher spannend gewesen. Ebenso steht es mit der Runde „Bezahlbares Wohnen: Wichtiger als je zuvor! Aber wie?“ Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wenn die einzelnen Wohnimmobilien in ihren größeren Zusammenhängen von Stadtteil und Stadt gedacht werden, gestaltet sich Projektentwicklung vielerorts als Quartiersentwicklung – mit privaten und öffentlichen Beteiligten und damit manchmal recht unterschiedlichen Erwartungen.

Junger Mann, der an seinem Computer arbeitet
Home Office und Abstandsgebote verändern die Anforderungen an das Wohnen. shutterstock, LStockStudio

Der Zusammenhang zwischen öffentlicher Hand und privater Wirtschaft ist ein Thema, das seit Ausbruch der Pandemie eine grundlegende Mutation erlebte. Galt bis zum Jahresbeginn der Staat doch häufig als derjenige, der durch viel zu viele Regulierungen die freie Wirtschaft unnötig einschränkt, so wurden seit Frühjahr die Hilferufe immer lauter. Da stellen sich schon grundsätzliche Fragen: Funktioniert die Marktliberalisierung nur zu Schönwetterzeiten? Gefährdet eine geringe Staatsquote in manchen infrastrukturellen Bereichen deren Aufgaben und damit letztlich das Gemeinwesen? Die Diskussion „Politik: Wieviel und welche Regulierungen brauchen wir?“ hätte zu Corona-Zeiten vielleicht nicht diese Grundsatzfragen, aber jedenfalls weit mehr Themen als nur Inhalte des Planungs- und Baurechts umfasst.

Allein schon der Austausch bei „Zusammenspiel für die Zukunft: Städte und Regionen mit Projektentwicklern und Investoren“ wäre in diesen Zeiten aktueller denn je gewesen, ebenso die Frage nach der Kraft der Städte für den Umgang mit Krisen im Thema „Resiliente Städte: Widerstandsfähigkeit als Kriterium“. Wenn es um die Resilienz unseres Planeten geht, ist das entscheidende Stichwort in diesem Zusammenhang „ressourcenschonendes Bauen“ sowie die entsprechende Nutzung. Die Diskussionsrunde „Anforderungen des Klimaschutzes: Verantwortung für Immobilien und Investitionen“ hätte den großen Zusammenhang von Mensch und Natur sicher anhand auch kleiner Beispiele thematisiert.

Die recht neue Kurzformel ESG für „Environment, Social, Governance“ steht für weite Bereiche, die sich wechselseitig durchdringen. Entsprechend vielschichtig wäre sicher das Podium „Drei Buchstaben – viele Inhalte: ESG“ verlaufen. Abseits des neuen öffentlichen Bewusstseins für den Zusammenhang dieser drei Inhalte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit – nicht zuletzt durch die „Fridays for Future“-Bewegung – legen besonders Pensionsfonds bei ihren Anlagekriterien mehr und mehr Wert auf ESG. Daher wird schon bald auch für die vielen Investment Manager, die im Auftrag dieser Investoren Immobilien erwerben, nichts mehr ohne ESG gehen.

Andreas Schiller

Journalist: Real Estate, City and Regional Development