Einzelhandel nach Corona

Einzelhandel nach Corona – wie und wann kommen wir wieder in Kauflaune?

29. Juli 2020

Nachdem wir zuletzt die Zukunft der Büroimmobilien beleuchtet haben, fragen wir diesmal: Wie gestaltet sich die Zukunft des Handels und wie beeinflusst diese Entwicklung den Immobilienmarkt? Denn Fachmarktzentren könnten als Gewinner aus der aktuellen Krise hervorgehen, während sich der Einzelhandel vor allem in der innerstädtischen Lage nach wie vor nicht erholt hat. Dass der Online-Handel boomt ist dagegen wenig erstaunlich – auch für Supermärkte sind Lieferservice und Click & Collect-Stationen ein vielversprechendes Konzept.

Der Shutdown als Todesstoß für Einzelhändler?

Die Klagen des stationären Einzelhandels über den Konkurrenzdruck des Online-Handels, die Skepsis über die Zukunft der innerstädtischen Kaufhäuser wie etwa Karstadt sind seit Jahren wohlbekannt und nicht zu überhören. In den USA mussten bereits 2019 knapp 10.000 der dort früher so beliebten Einkaufszentren schließen. Der Shutdown in Deutschland im März könnte für viele Einzelhändler als Todesstoß wirken: In der fünfwöchigen Schließungsphase fiel der Umsatz, außer für Lebensmitteleinzelhändler, völlig aus. Zunächst rechneten Optimisten zunächst mit einer raschen Erholung nach Wiedereröffnung, doch die Hoffnung scheint trügerisch: Obwohl die Läden wieder geöffnet sind, lässt die Kauflaune noch zu wünschen übrig.

Im stationären Modehandel lagen laut einer Umfrage des TW-Testclubs des Fachmagazins „Textilwirtschaft“ die Umsätze im Juni 2020 um 22 % unter dem Vorjahresniveau. Die Branche ist durch den Ausfall vieler Feste besonders stark betroffen und leidet laut der Umfrage am meisten in Einkaufszentren und innerstädtischen Lagen, während die Umsätze in Fachmärkten und Fachmarktzentren fast stabil sind.

1:0-Sieg für Fachmarktzentren

Diese Entwicklung erlaubt erste Tendenzaussagen darüber, welche Sparten des stationären Einzelhandels sich am schnellsten erholen können und welche tiefgreifende Maßnahmen für eine Gesundung benötigt werden. Es bestätigt sich das Ergebnis des HAHN Retail Real Estate Reports 2019/2020 aus der Befragung vor Corona: Sowohl die Expansionsbeauftragten der führenden deutschen Einzelhandelskonzerne als auch Immobilien-Investoren und Kreditbanken sehen in Fachmarktzentren ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis für Mieter. In der Pandemie gewinnen genau diese Standorte weiter an Attraktivität: Die großflächigen Immobilien erlauben die unproblematische Einhaltung der Abstandsregelungen, die Standorte „auf der grünen Wiese“ mit reichlich Parkplätzen die Anfahrt mit dem Privat-PKW, der sich als virensicheres Fortbewegungsmittel herauskristallisiert. Die Corona-Krise beschleunigt deshalb krisenhafte Entwicklungen in den Einzelhandelsstrukturen, die bereits vorher ums Überleben kämpften.

Für Geschäfte in den Innenstädten wird das Überleben deshalb nicht einfacher, denn unbefangene Kauflaune will sich trotz Mehrwertsteuersenkung weiterhin nicht einstellen. Von einer V-förmigen Erholung wagt inzwischen kaum mehr jemand zu träumen – Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland HDE rechnet vielmehr mit Umsatzeinbußen von 40 Milliarden Euro im Jahr 2020.

Onlinegeschäft boomt, auch im Lebensmittelhandel

Was ist zu tun? Die weitere Entwicklung hängt entscheidend davon ab, wie lange die Corona-bedingten Einschränkungen wie Abstandsregelungen etc. noch gelten werden. Je länger, desto stabiler dürfte sich der Trend zum Online-Handel zeigen. Auch der Lebensmittel-Einzelhandel, der bisher zu den Gewinnern der Krise zählt, sollte sich diesbezüglich nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen: Corona hat zu einer deutlichen Ausweitung des Online-Anteils beim Lebensmitteleinkauf geführt, wie Jennifer Güleryüz von Savills anhand folgender Grafik zeigt:

Jährliche Wachstumsrate des Online-Lebensmittelhandels in Deutschland

Netto experimentiert bereits mit einem Abholservice, Rewe hat mehrere hundert Click & Collect Pop-up-Stationen eröffnet, erklärt Güleryüz. Dieser forcierte Digitalisierungsschritt dürfte sich laut Savills auch auf die Akteure der Immobilienbranche auswirken: Wenn Supermärkte zu innerstädtischen Lagerflächen umgestaltet werden, Abholstationen ausgebaut und Drive-in-Schalter für die kontaktlose Abholung eingerichtet werden, muss ein Umdenken stattfinden.

„Ich rechne mit Insolvenzen selbst bei größeren filialisierten und internationalen Retailern. Die Krise ist so international und schnell, dass Anbieter ohne stark entwickelte Multichannel-Strategie nicht mehr aufholen können“, befürchtet Lutz Sdhilbach, Deputy Head of Asset Management Germany bei JLL. Immobilieneigner und Assetmanager sind deshalb gut beraten, intensiv das Gespräch mit ihren Einzelhandelsmietern zu suchen und Konzepte für den Neustart zu entwickeln.

Stephanie von Keudell

Freie Journalistin